Gemeinde Ummendorf

Seitenbereiche

Jahreszeit
wechseln:

Navigation

Seiteninhalt

Rede von Herr Oberstleutnant Friedlein zum Volkstrauertag 2019

Herr Bürgermeister, liebe Ummendorfer Mitbürgerinnen und Mitbürger, sehr geehrte Damen und Herren, Kameraden,
 
 
Ich danke Ihnen, dass sie heute am Volkstrauertag hier zusammengekommen sind, um gemeinsam der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, von Terror und Diktatur zu gedenken.
 
Dies ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit und jedes Jahr wieder, wenn man vor den Tafeln mit den Namen der vielen Gefallenen steht, die Bürger dieses Ortes oder der nahen Umgebung waren, die hier Teil der Lebensgemeinschaft waren, macht das zutiefst traurig und nachdenklich.
Auch wenn es in diesem Jahr andere und erfreulichere runde Jahrestage die auch eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind und diese positiv prägten zu begehen gab, ich denke hier an den erst vor ein paar Tagen begangenen 30. Jahrestag des Falls der Mauer und dem Ende der Teilung Deutschlands, steht der Volkstrauertag 2019 natürlich unter dem Zeichen des Beginns des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren.
Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht ohne Kriegserklärung Polen.
Es begann der 2. Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und 60 Millionen Menschen das Leben kostete.
Polen, das rund ein Zehntel der Opfer, die Hälfte von Ihnen jüdischen Glaubens, zu beklagen hatte, war das erste Opfer der Ideologie vom ‚Lebensraum‘, der Staat wurde zerschlagen, die Bevölkerung mit Vertreibung, Zwangsarbeit, Terror und Vernichtung überzogen.
Wolfgang Schneiderhahn, ehemaliger Generalinspekteur und Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. schreibt in seinem Geleitwort zum diesjährigen Volkstrauertag, dass hierzulande oft verzerrte oder gestellte Bilder in Erinnerung sind, wie zum Beispiel das gestellte Niederreißen des Grenzbaumes, die falsche Datierung oder gar die Umkehrung der Kriegsschuld durch Deutschland: wir schießen jetzt zurück.
Weniger bekannt sind Bilder wie die des in den ersten Kriegsstunden bombardierten Wielun, das ähnlich wehrlos wie zuvor Guernica in Spanien dalag.
Weniger bekannt sind auch Bilder, wie junge deutsche Soldaten orthodoxe Juden im Alter ihrer Väter demütigen oder wie fast beiläufig angebliche Freischärler auf Marktplätzen hingerichtet werden.
Die rücksichtslose NS-Lebensraumpolitik zerstörte damals scheinbar für immer das multikulturelle Nebeneinander.
Wer sich diese Geschehnisse vor Augen hält, versteht, warum die Wunden bis heute so tief gehen und warum Fragen im deutsch-polnischen Verhältnis so sensibel sind.
Auch eine Versöhnung der deutschen und polnischen Veteranen des 1. September war lange Zeit keine Selbstverständlichkeit.
Adam Krzeminski, Redakteur des polnischen Wochenmagazins Polityka und Gastautor für die deutsche Wochenzeitschrift Die Zeit, 1999 für seine Bemühungen um die deutsch-polnischen Beziehungen mit dem Großen Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, schreibt, dass selbst noch 2009, als Deutschland längst vereinigt und Polen bereits Mitglied sowohl der NATO als auch der EU war, es einer der letzten drei noch Überlebenden Verteidiger des polnischen Munitionsdepots (Danziger Westerplatte) ablehnte, an den Gedenkfeierlichkeiten teilzunehmen, weil auch Angela Merkel und Wladimir Putin dorthin eingeladen waren.
Er schreibt weiter, dass die Versöhnung auch auf Veteranentreffen dennoch funktionierte.
 
Martin Menzel, der Richtkanonier der ‚Schleswig Holstein‘, der mit seinem Schuss auf die Westerplatte den Zweiten Weltkrieg quasi ‚eröffnete‘, empfand nach eigener Aussage Erleichterung, als er im Jahre 2005 Polen öffentlich um Entschuldigung bat.
Und die polnischen Veteranen äußerten sich in ähnlichem Ton:
‚Es wird uns leichter fallen zu sterben, weil wir Entschuldigung gewährten‘ Der letzte polnische Verteidiger der Westerplatte starb 2012.      
Natürlich verloren am Ende des Krieges auch Tausende Deutsche ihre Heimat, wurden Vertriebene, auch meine Mutter wurde in Schlesien geboren.
Auch sie wurden Teil dieses schweren Unglücks, das aber das deutsche Volk schuldhaft über sich selbst und andere Völker gebracht hat.
Den Menschen in unserer von Wohlstand, Individualität und Fortschritt geprägten Gesellschaft, die keine Zeit für gemeinsames Trauern und Innehalten finden, sollten wir sagen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.
Und dass es ohne den Kurs der Bundesrepublik, sich mit den einstigen Kriegsgegnern auszusöhnen, wie es Adenauer mit Frankreich, Brandt mit Polen oder Kohl mit der Sowjetunion taten, kein solches Miteinander und keine solche lange Phase des Friedens und des Glücks in Europa gegeben hätte.
Und wir müssen ihnen sagen, dass diese Phase nicht durch Nationalismus, Ausgrenzung und Anfeindung gefährdet werden darf, denn diese Phase ist, wie der Frieden, keine Selbstverständlichkeit.
Allein schon das Ausmaß der Opferzahlen des 2. Weltkrieges, der Millionen gefallenen Soldaten auf allen Seiten, der Millionen getöteten Zivilisten, der Millionen ermordeten Juden, der 200 000 ermordeten Sinti und Roma, der 300 000 ermordeten körperlich oder psychisch Kranken sollten reichen, um den jährlichen Tag der gemeinsamen Trauer zu würdigen.
In einer meiner Vorjahresreden sagte ich bereits, dass all die Opfer umsonst gewesen wären, wenn Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit, oder auch nur pure Dummheit die Oberhand gewinnen würden, denn sie sind der Nährboden für giftige Blindtriebe.
Wenn die Bereitschaft, Eigeninteressen schlimmstenfalls wieder mit Gewalt durchzusetzen und nationales Scheuklappendenken sich wieder ausbreiten, wenn internationale Zusammenarbeit, friedlicher Interessenausgleich, ja selbst das europäische Friedenswerk wieder infrage gestellt werden, kann dies wieder Teil einer verhängnisvollen Verkettung wie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts werden.
Das beginnt aber auch im Kleinen, im täglichen Leben in Deutschland, rein innerdeutsch.
Rechtsextreme Gruppierungen in Deutschland erstarken, Aggressionen gegen Flüchtlinge und Asylbewerber nehmen zu.
Politiker erhalten über E-Mails Morddrohungen.
Das sind Meldungen aus dem Deutschland von heute!!
Am 9. Oktober 2019, am Tag des höchsten jüdischen Feiertages Jom Kippur, versuchte der Rechtsextremist Stephan B. in die Synagoge im Paulusviertel in Halle (Saale) einzudringen. Er scheiterte jedoch und erschoss stattdessen zwei Passanten in der näheren Umgebung, er hinterließ ein antisemitisches Manifest.
Im Juni dieses Jahres wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Täter des rechtsextremen Spektrums ermordet, der Täter hat dies gestanden.
Ist es zu weit hergeholt, wenn ich bei diesem Fall an meine Rede des letzten Jahres erinnere?
 
Da sprach ich vom deutschen Delegationsleiter Staatssekretär Matthias Erzberger, der am Morgen des 11. November 1918 den Waffenstillstand zur Beendigung des 1. Weltkrieges im berühmten Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnete.
Staatssekretär Matthias Erzberger, der hier in Biberach seine letzte Ruhestätte fand, war Hassfigur rechter Propaganda und wurde am 26.08.1921 von reaktionären politischen Attentätern in Bad Griesbach, Schwarzwald, gezielt ermordet.
Laut einer gemeinsamen Recherche des Tagesspiegels und von ZEIT ONLINE wurden in Deutschland seit 1990 mindestens 169 Menschen Opfer rechtsextremistisch motivierter Morde.
Wenn dem entgegengehalten wird, dass es auch linksextremistische Gewalttaten gibt, stimmt das, auch wenn es hier statistisch gesehen öfter auf Sachbeschädigung hinausläuft.
Es hieße aber Unrecht mit Unrecht zu bagatellisieren.
Bei Straftaten mit extremistischem Hintergrund gibt es immer Anhaltspunkte dafür, dass sie darauf abzielen, bestimmte Verfassungsgrundsätze zu beseitigen oder außer Geltung zu setzen, die für die freiheitlich demokratische Grundordnung prägend sind.
Und allen Unrechtsregimen auf dieser Welt, allen diktatorisch und selbstherrlich geführten Staaten oder Organisationen war und ist es eigen, dass sie ihre Gegner, dass sie Andersdenkende mundtot machen, sie denunzieren, schikanieren oder aus dem Weg räumen.
Wir haben den dauerhaften Auftrag solchen Kräften entschieden entgegenzutreten, wir können dazu beitragen, diesem großen Glück des Friedens und der Freiheit durch Handeln gerecht zu werden.
Dieser Auftrag richtet sich an jeden Deutschen, weit über solche Gedenkfeiern hinaus.
Vor wenigen Tagen feierte die Bundeswehr ihren 64. Geburtstag und beging diesen mit einer Reihe von öffentlichen Gelöbnissen und Benefizkonzerten, von Balingen über Sondershausen in Thüringen, Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern oder direkt vor dem Deutschen Bundestag in Berlin.
Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages unterstrich in seiner Festrede in Berlin vor den Rekruten den Wert des Friedens, den Frieden zu wahren sei nicht kostenlos, er habe einen moralischen Preis und im Ernstfall bedeutet er eine robuste bewaffnete Auseinandersetzung.
Auf internationaler Ebene setzt Deutschland seine Sicherheitspolitik als aktive Friedenssicherung um.
Oft liegen die Herausforderungen nicht in der Stärke anderer Staaten, sondern in deren Schwäche, was Nährboden für Terrorismus und Konflikte ist.
Andererseits erleben wir derzeit eine Rückkehr der Konkurrenz großer Mächte um Einflusssphären und Vorherrschaft, so die Verteidigungsministerin vor wenigen Tagen in München.
Transnationaler Terrorismus, zwischenstaatliche Konflikte, fragile Staatlichkeit, Klimawandel, humanitäre Katastrophen oder unkontrollierte und irreguläre Migration bilden heute das Gefährdungsspektrum für Frieden und Sicherheit und das ist vielfältiger und unberechenbarer denn je.
Auch neue Herausforderungen wie hybride Kriegführung oder Angriffe im Cyberraum sind neben konventionelle Bedrohungen    
getreten, wodurch sich die Anforderungen an Deutschlands Sicherheitspolitik grundlegend gewandelt haben, resultierend daraus auch die Anforderungen an die Bundeswehr.
Auch wenn unsere Beiträge zur Konfliktlösung und zur Herstellung stabiler und sicherer Verhältnisse in den Krisengebieten auf der internationalen Bühne sehr anerkannt sind, herrscht breite Übereinstimmung darüber, dass Deutschland angesichts seiner Stärke und angesichts der strategischen Herausforderungen aktiver werden muss, dass wir, um unsere Werte und Interessen zu schützen mehr tun müssen.
Auch wir Soldaten und zivile Beschäftigte in Ummendorf leisten dazu unseren Beitrag, momentan befinden sich zwei unserer Kameraden im Auslandseinsatz, auch an sie denken wir heute,
wie wir an alle Kameraden denken, die im Einsatz waren und die sich darauf vorbereiten.
Dabei beziehe ich die Vertreter anderer Einsatzkräfte, von Polizei, THW, die auf internationalem Parkett für unsere moralischen Werte und für Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit eintreten, explizit mit ein.   
Unsere Werte teilen wir mit anderen, sie sind international anerkannt. Wir dürfen stolz sein auf die Tradition von Freiheit und Demokratie in unserem Land, auf die friedliche Revolution vor 30 Jahren und auf das, was wir daraus gemacht haben.
Wir verdrängen nicht den Blick auf die dunklen Kapitel, sondern stellen uns vor allem angesichts unserer Geschichte unserer historischen Verantwortung.
Für den Zusammenhalt in Europa und für den Erhalt der internationalen Ordnung fest an der Seite unserer Verbündeten zu stehen und Verantwortung für die Erhaltung oder Wiederherstellung von Menschenrechten und Freiheit zu übernehmen ist die wichtigste Konsequenz aus unserer eigenen Geschichte.
Wir gedenken heute, am Volkstrauertag, der gleichzeitig zentraler Gedenktag für alle Opfer von Krieg, Terror, Gewalt und Diktatur ist, der Soldaten und aller zivilen Opfer, die in den Kriegen starben.
Wir denken an die Bundeswehrsoldaten oder anderen Einsatzkräfte, die in Ausübung ihres Dienstes oder bei Auslandseinsätzen ihr Leben verloren.
Wir denken an alle Opfer von Terrorismus und Bürgerkrieg und wir erinnern uns an alle Menschen, die als Folge von Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren haben.
 
Ihr Tod und ihr Leiden sei uns Mahnung.
Mahnung gegen Hass und Intoleranz, gegen Rassismus und Fanatismus, gegen Gewalt und gegen geistige Brandstifterei.
 

Kontakt

Gemeindeverwaltung Ummendorf
Bachstraße 16
88444 Ummendorf
Tel.: 07351 3477-0
Fax: 07351 3477-15
E-Mail schreiben

Ortsverwaltung Fischbach
Fischbach
Zur Mühle 5
88444 Ummendorf
Tel.: 07351 22400
Fax: 07351 180761